
München, 26. September 1980. Am 5. Oktober ist Bundestagswahl. Deutschland
braucht einen starken Mann: Franz Josef Strauß. Der CSU-Rechtsaußen ist
Kanzlerkandidat der Union. Doch für viele Menschen ist an diesem Abend anderes
wichtig: »Es war ein fröhlicher Wies‘nbummel. Die Kinder sind Karussell
gefahren, Geisterbahn, Flieger und dies und das. Vor dem Heimweg
haben die Eltern noch etwas zu essen gekauft. Hendl und Brez‘n. Und meine
Kinder haben noch Luftballons gekriegt«, erinnert sich zum Beispiel der Münchner
Ignaz P. In einem Beitrag der
Süddeutschen Zeitung (
nachgedruckt auf hagalil.com) an jenen Tag. »Wir
kommen zum Ausgang hin. Und dann... ich kann mich bloß an eins erinnern: Da war
ein greller Schein, ein Feuer, wie wenn man eine Rakete hochschießt – und dann
war ich weg.«
Er sei »durch die Luft geflogen, mindestens zehn Meter«, so die
SZ
in einer erschütternden Beschreibung der Ereignisse. Nachdem er zu sich gekommen
sei, habe er erstmal nichts mehr hören können: »Das Trommelfell war geplatzt.«
Sein erster Gedanke habe den Kindern gegolten: »Er hatte den Arm um sie gelegt,
war mit ihnen gegangen. Links Ilona, rechts Ignaz.« Den habe er auch zuerst
gefunden. »Ich hab’ ihn hochgehoben, und er hat gesagt: ›Papa, mir ist kalt.‹«
Kurz darauf habe ihm den Sohn jemand weggenommen: »Wahrscheinlich ein Sanitäter.
Dann bin ich zu einem Standl hingekommen, Bratwürstl hat der gehabt. Da war mein
Mädel, irgendwie so drangelehnt.« Das war Ignaz P.s Tochter Ilona. »Die Bombe
hatte ihr den Bauch aufgerissen. Dann sagt sie: ›Papa, hilf mir doch, es tut so
weh.‹ Und ich konnt’ ihr nicht helfen. Sie ist dann auf meinem Schoß gestorben.
Hat die Augen zugemacht.«
Den Täter kennen wir alle
So ähnlich ergeht es vielen an diesem Terror-Abend. 13 Menschen sterben an
den Folgen des Anschlags, über 200 werden verletzt. Das Leben von Hunderten von
Opfern und Angehörigen wird für immer zerstört. Und der Täter? Wir kennen ihn
alle: »The Lone Gunman«, »The Lone Nut« – der seltsame Einzelgänger. Ein
Rechtsradikaler namens Gundolf Köhler soll die Bombe
im Alleingang gelegt haben
und bei ihrer Zündung selbst gestorben sein. Seine Leiche lag unter den anderen.
Doch viele Verletzte und Hinterbliebene glauben nicht an diese Behördenversion.
»Lange habe ich darum gekämpft, um endlich zu erfahren, wer oder welche
[Attentäter] es wirklich waren«, sagte Ignaz P. 1996 der
Süddeutschen
Zeitung: »Ich musste jedoch lernen, dass man mir darauf nie eine ehrliche
Antwort geben wird.«
Mein Vater, der Terror-Chef...
Diese hat am 10. April 2013 möglicherweise ein Mann vor einem Luxemburger
Gericht gegeben. Unsere Medien haben bis auf ganz wenige Ausnahmen nicht darüber
berichtet. An diesem Tag sagte vor der Kriminalkammer des Luxemburger
Bezirksgerichts der Duisburger Historiker Andreas Kramer in einem
»Bombenleger-Prozess« gegen zwei ehemalige Mitglieder der Luxemburger
Spezialeinheit
Brigade Mobile de la Gendarmerie aus.
Dabei
ging es um 24 Bombenanschläge in Luxemburg zwischen 1984 und 1986, bei denen
»Strommasten, eine Gasleitung, das Telefonnetz, Gebäude von Gendarmerie und
Justiz, Wohnungen von Privaten« das Ziel waren
(Rote Fahne News, 13.4.2013). Glaubt man Kramers
Ausführungen, hat er eine Menge zur Aufklärung von Bombenattentaten in dieser
Zeit beizutragen. Demnach kennt er die entsprechende Zeitgeschichte nicht nur
aus Büchern, sondern auch aus erster Hand – nämlich durch seinen Vater Johannes
Karl Kramer, Hauptmann der Bundeswehr, BND-Agent und »Operationsleiter« der
geheimen
NATO-Terrortruppe
Gladio /
Stay Behind.
Offiziell bestand deren Aufgabe darin, bei einem sowjetischen Einmarsch in
NATO-Gebiet hinter den feindlichen Linien Sabotageakte zu begehen. In
Wirklichkeit übten sich die
NATO-Terroristen wohl eher in Attentaten
auf politisch und wirtschaftlich unliebsame Zeitgenossen sowie in
massenpsychologischen Operationen, um die öffentliche Meinung zu
beeinflussen.
Vor dem Luxemburger Gericht erklärte Kramer junior laut
Rote Fahne News
die Bomben-Serie in Luxemburg zur
Gladio/
Stay-Behind-Operation
. Gemäß einer eidesstattlichen Erklärung, die Kramer vor einem
Luxemburger Notar abgab, stammen »die Fakten, über die ich berichte, allesamt
von meinem Vater Johannes Karl Kramer, ehemaliger Soldat im Rang eines
Hauptmanns im
Verteidigungsministerium in Bonn (Streitkräfteamt des Bundeswehr) Abteilung G4
und zusätzlich war er Agent des BND, Abteilung IV in München-Pullach.« Unter dem
Namen »Cello« sei der 2012 verstorbene Kramer senior auch »Operationsleiter« der
Gladio/
Stay-Behind-Truppe gewesen und »koordinierte Einsätze
in Deutschland, den Beneluxstaaten und der Schweiz«.
Training für Sprengung und Sabotage
In dieser Funktion habe er auch in Kontakt mit einem gewissen Charles
Hoffmann gestanden, dem Operationsleiter der
Stay Behind in Luxemburg.
Hoffmann sei »in einem damals geheimen
NATO-Stützpunkt auf Sardinien in
Sabotage, Sprengung und Einbrüchen« ausgebildet worden. Und in Bezug auf die
oben erwähnten Luxemburger Anschläge erklärte Kramer junior: »Die Luxemburger
Gruppe war verantwortlich für sämtliche Einbrüche und Sprengstoffdiebstähle
während der Jahre 1984-1985. … Zudem sollten alle diesbezüglichen Attentate die
Bevölkerung terrorisieren und politisch zu einem Rechtsruck einschwören.«
Während sein Vater »die Interventionen verschiedener ausländischer Gruppen mit
den Luxemburgern koordinierte«, sei Hoffmann »für die Auswahl seiner Agenten,
die Zielorte und den Einsatz vor Ort im Zielgebiet« verantwortlich gewesen:
»Alles lief bei meinem Vater über den Schreibtisch.« Das habe er ihm noch zu
Lebzeiten Anfang der 90-er Jahre anvertraut.
Und noch etwas lief demzufolge über den Schreibtisch des Terror-Chefs: Das
Oktoberfest-Attentat. Laut einem Interview,
das Kramer der
Zeitung junge Welt gab (13.4.2013), hat sein Vater die Münchner
Bombe regelrecht »mitgebaut«. Auch den Attentäter Köhler habe er »angesprochen«.
In dem Gespräch schildert Kramer ausführlich die Hintergründe. Demnach hatte
Kramer senior »beruflich keine Freunde und konnte sich niemandem anvertrauen. Er
zog
mich ins Vertrauen, weil
er mich als
Gladio/
Stay-Behind-Agenten aufbauen wollte. Nach
meiner Ausbildung sollte ich mit seinem Team Operationen planen und ausführen«.
Im Verteidigungsministerium habe er eine Logistikabteilung geleitet und »damit
Zugang zu ziemlich allen Arten von Sprengstoff, Munition und Waffen« gehabt. Mit
der Zeit habe er für
Gladio/
Stay Behind 50 Waffenlager
angelegt, »die meisten entlang der Grenze zur DDR, bis runter zur damaligen
CSSR«.
»Es musste mehr oder weniger laienhaft aussehen...«
Darunter habe sich auch ein Lager in Uelzen befunden, das nach dem
Oktoberfest-Anschlag aufflog. Bei dem Attentat habe Johannes Karl Kramer
»zusammen mit anderen
NATO-Offizieren« die Bombe »mitgebaut«: »Es war
ein Mix verschiedener Sprengstoffe. Von vornherein wurde darauf geachtet, die
Bombe so zu konstruieren, dass sie hundertprozentig funktionierte, aber nach der
Detonation keine Rückschlüsse darauf zuließ, dass Experten ihre Hand im Spiel
hatten. Es musste also mehr oder weniger laienhaft aussehen. … Mein Vater – der
ja ausgebildeter Sprengmeister war – experimentierte mit neuen Verbindungen, er
wollte einen Sprengstoff einführen, der nicht so leicht nachweisbar ist. Das
Material für die Bombe wurde mit Privatwagen aus den Niederlanden gebracht, u.
a. auch auf einer Urlaubsreise meiner Familie – unser damaliges Kennzeichen war
BN-AE 500. Das sagte mir mein Vater aber erst, nachdem die
Bombe in München
hochgegangen war.« Die Zünder seien aus dem Lager Uelzen gekommen, »ein
ausrangierter Feuerlöscher aus den 50-er Jahren« aus England wurde »mit
Sprengstoff und Nägeln gefüllt«: »Um keinen Verdacht zu erregen, sollte alles
irgendwie selbstgebastelt aussehen. Und rein zufällig fand wenige Tage nach dem
Attentat die Bundestagswahl statt: Der CSU-Politiker Franz Josef Strauß wollte
Kanzler werden. Noch Fragen?«
Jede Menge – zum Beispiel die Frage »Cui bono?« (Wem nützt es?). Oder wem
sollte es nützen? Beide politischen Lager beschuldigten sich hinterher, für den
Anschlag verantwortlich zu sein. Während Strauß versuchte, die liberale
Innenpolitik des damaligen FDP-Innenministers Gerhart Baum verantwortlich zu
machen, bezichtigten die Linken die CSU, Rechtsradikalen und letztlich dem
Attentäter nahe zu stehen. Und dafür hatte nicht zuletzt Gundolf Köhler selber
gesorgt.
Laut Spiegel Online hatte sich Gundolf Köhler »vor
dem Anschlag über die bevorstehende Bundestagswahl geäußert, man könne doch
einen Bombenanschlag in Bonn, Hamburg oder München verüben. Nach dem Anschlag
›könnte man es den Linken in die Schuhe schieben, dann wird der Strauß
gewählt‹«. Eine gelegte Spur des
Gladio/
Stay-Behind-Agenten?
Denn der Versuch, die Tat als »links« zu etikettieren, hatte nicht den
geringsten Erfolg. Im Gegenteil: Durch die Kennzeichnung des Attentäters als
»rechtsradikal« schadete der Anschlag natürlich den Rechten. War es das, was
Kramer seniors
Gladio-Netzwerke im Schilde führten? Oder handelte es
sich wirklich um eine misslungene Wahlhilfe?